Worst Case...

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  • Hinter mir liegt eine kleine Odyssee. Ich bin vor zwölf Jahren mit meinem (zukünftige Ex-)Mann zusammen gekommen, vor zehn Jahren haben wir geheiratet und vor nunmehr fast neun Jahren kam unsere gemeinsame Tochter zur Welt. Leider wollte ich lange Zeit nicht wahrhaben, dass ich mir einen echten "Problemfall" zum Ehemann genommen habe und Sprüche wie "besser ich schlage die Türen ein als dass ich dich schlage" seinerseits für wahr hielt. Ebenso habe ich ihm lange geglaubt, dass es meine Schuld sei, dass ich ihn zu sehr gereizt und provoziert hätte, wenn er mal wieder in einem Wutanfall Teile der Wohnungseinrichtung zertrümmerte - auch im Beisein unserer Tochter. Um weitere Eskalationen zu vermeiden, habe ich mich in der Beziehung immer mehr zurück genommen, das hat aber auch nur bedingt geholfen.


    Erst Anfang dieses Jahres habe ich erkannt, das häusliche Gewalt, auch wenn sie gegen Dinge und nicht gegen Menschen gerichtet ist, trotzdem Gewalt ist und bleibt. Erst dann habe ich den Mut und die Kraft gefunden, mich mit Hilfe von darauf ausgerichteter Beratungsstellen aus dieser Beziehung zu lösen.


    Er hat zum Glück relativ schnell eine eigene Wohnung gefunden, so dass er schon Anfang Mai ausziehen konnte. Seine Ausbrüche richteten sich nur gegen mich, nie gegen unser Kind, daher dachte ich, es sei okay, wenn wir unsere Tochter gemeinsam im Wechselmodell betreuen. Das war sein Wunsch und ich habe, trotz einer gewissen Skepsis, dem Ganzen eine Chance gegeben. Solange es für unser Kind passt, passt es auch für mich.


    Bis zu den Sommerferien schien auch alles soweit gut zu laufen. In den Ferien war die Kleine drei Wochen in seiner Obhut, davon meines Wissens eine Woche mit seinen Eltern unterwegs. Ich hatte regelmäßig Kontakt zu ihr und sie gab mir das Gefühl, dass es ihr gut geht. Die zweite Hälfte der Ferien habe ich dann mit ihr verbracht. Zwei Tage, nachdem ich wieder mit ihr zusammen war, offerierte sie mir, dass sie es nicht gut findet, im Wechsel bei Mama und Papa zu sein und dass sie lieber mehr Zeit mit mir verbringen möchte. In Papas Ein-Zimmer-Wohnung ist es zu dreckig, zu unaufgeräumt, wenn sie einen sauberen Teller zum Essen brauchte, musste sie selbst einen abwaschen, weil er es nicht geschafft hat, das Geschirr regelmäßig zu reinigen, und es stinkt in der Wohnung nach Zigarettenrauch. Die Vorstellung, für längere Zeit wieder in dieser Wohnung leben zu müssen, war für sie schwer zu ertragen und ich sah mich mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, das ihrem Vater beibringen zu müssen und irgendwie eine Lösung zu finden. Seine Reaktion fiel erwartungsgemäß emotional aus, nachdem er sich aber nach ein paar Tagen wieder beruhigt hatte, erklärte er sich mit dem Residenzmodell einverstanden. Doch auch ist mittlerweile nur noch auf dem Papier existent. Das erste Wochenende nach den Ferien war sie bei ihm. Als ich sie zwei Wochen später wieder zu ihm bringen wollte, wurde sie auf dem Weg zu ihm immer stiller und trauriger und als ich nachfragte, was los sei, sagte sie mir, dass sie eigentlich gar nicht mehr bei ihrem Papa übernachten will. Ich versuchte ihr gut zuzureden, "vielleicht hat Papa sich ja jetzt ein bisschen mehr Mühe gegeben", "wir gucken uns die Wohnung mal zusammen an" usw., aber sie ließ sich erst wieder beruhigen, als ich ihr zusagte, dass sie nicht bei Papa bleiben muss, wenn es gar nicht geht. Ich hatte zwar eigentlich schon Pläne für das Wochenende, aber die war ich bereit, zurück zu stellen. Ich konnte es nur schwer aushalten, mein Kind so unglücklich zu sehen.


    In der Wohnung angekommen bot sich mir ein Bild, das schlimmer war, als ich es mir nach den Beschreibungen meiner Tochter vorgestellt hatte. Gut, er hatte zumindest das Geschirr abgewaschen, aber die Böden klebten vor Dreck, auf den Möbeln lag eine halbzentimeterdicke Staubschicht, es gab nichts, das darauf hindeutete, dass ein Kind hier willkommen sei, obwohl sie selbst Teile ihrer Spiel-, Mal- und Bastelsachen schon Wochen zuvor in seine Wohnung mitgenommen hatte und es stank nicht nur nach kaltem Tabakrauch, sondern auch nach Marihuana. Die Kleine ist schon beim Betreten der Wohnung fast in Tränen ausgebrochen und ich konnte absolut nachvollziehen, warum sie sich an so einem Ort nicht wohl fühlte. Die Vorwürfe, die er dann nicht nur mir sondern auch ihr machte, haben ihr dann den Rest gegeben. Ich habe sie nicht bei ihm gelassen und habe ihm - wie auch schon oft zuvor - dringend ans Herz gelegt, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn er das Verhältnis zu seiner Tochter wieder kitten möchte.


    Ein paar Tage später konnten wir wieder einigermaßen miteinander reden. Er zeigte sich einsichtig und ich habe ihm zugesagt, dass er jederzeit Zeit mit unserer Tochter verbringen können, er solle das nur vorher mit mir absprechen. Die Kleine war auch einverstanden, solange sie nicht in seiner Wohnung übernachten müsse. Das ist jetzt etwa einen Monat her. In den ersten zwei Wochen seitdem hat er sich noch Mühe gegeben, sie zwei Mal in der Woche von der Schule abgeholt, sie allerdings schon zwei Stunden später zu mir zurück gebracht. In der dritten Woche hat es dann nur einmal geklappt, weil er wegen verschleppten Entzündung in der Hand dann nach Wochen doch endlich zum Arzt gegangen ist, der ihn direkt zum Chirurgen und dieser ihn direkt in Krankenhaus mit OP am selben Tag überwiesen hat. Nach vier Tagen wurde er wieder entlassen. Er kontaktierte mich per Textnachricht, nicht etwa um zu fragen, wie es unserer Tochter gehe (er wußte, dass sie selbst krank gewesen ist) und wann er sie sehen könne, sondern wann er denn vorbei kommen können, um sein Fahrrad (eines von dreien), das noch immer meinen Keller blockiert, zu reparieren. Das war am vergangenen Mittwoch. Bis heute hat er nicht nach seinem Kind gefragt.


    Als ich mich Anfang dieses Jahres entschlossen habe, habe ich nicht daran geglaubt, dass dieses "Worst Case"-Szenario, das ein paar meiner Freunde, die auch ihn ganz gut kennen, mir als solches vor Augen führten, tatsächlich eintreten würde, aber es zeichnet sich immer klarer ab, dass er kein echtes Interesse an seiner Tochter hat und dass es wohl darauf hinaus laufen wird, dass ich sie ganz allein, ohne auch nur zeitweise Unterstützung durch den Vater, großziehen muss. Finanziell stehe ich seit kurzem gut da, so dass wir auch bis mein Antrag auf Unterhaltsvorschuss beim Jugendamt durch ist, gut zurecht komme, aber innerlich bin ich ziemlich aufgewühlt. Solange ich beschäftigt bin und der Alltag mich fordert, spüre ich es nicht so sehr, aber sobald mein Kind nach der rituellen Gute-Nacht-Geschichte ins Reich der Träume entglitten ist, stürze ich regelmäßig in ein tiefes Loch, spüre nichts als eine lähmende Leere in mir und quäle mich mit Selbstvorwürfen. Irgendwie gelingt es mir zwar immer wieder, daraus hervor zu kommen, aber es kostet mich sehr viel Kraft, darüber nicht verbittert und gefühlskalt zu werden. Ich bin nicht wütend, ich gebe niemandem die Schuld, ich bin einfach nur unendlich traurig.

  • Trennung nach vielen Jahren bedeutet auch: Man hat einen langen und nicht ganz einfach Ablösungsprozess vor sich. (Es ist ja etwas "da" gewesen. ) Der Rückbau, die Loslösung dauert einfach. Das muss man im Hinterkopf haben. Und so, wie es in Verliebtheitsphasen hoch emotionale Zeiten gegeben hat, gibt es das auch in der Trennungsphase. (Die sind halt nicht immer und zu jeder Zeit soo schön.) Aber wichtig ist: Man ist unterwegs. Und das bedeutet: Man bekommt beim Unterwegssein eine andere Sicht auf die Dinge, macht andere, neue Erfahrungen und ist nicht mehr so sehr gefangen in dem, was vorher war.

    Es mögen gefühlt kleine Schritte sein, die man am Anfang macht. Aber später wird man merken, wie wichtig sie waren und einen vorwärts getragen haben.

    Liebe Grüße



    Bap



    Wir können unser Leben nicht neu formatieren, ein anderes Betriebssystem aufspielen und alles wieder neu beginnen. Erst wenn man sich den Fehlern der Vergangenheit stellt, kann man positiv in die Zukunft blicken.

  • Wir hatten gestern einen Termin bei der Familien- und Erziehungsberatung vom Bezirksamt/Jugendamt. Ich hatte mich auf Anraten der Frauenberatungsstelle schon Anfang dieses Jahres dorthin gewandt. Eine sehr hilfreiche Einrichtung, da man dort bei Kommunikationsproblemen unter den Eltern mit Hilfe eines Mediators Lösungen finden kann. Den letzten Termin hatte der Papa - aus welchen Gründen auch immer - verpeilt, aber gestern war er zum Glück da. Wir haben jetzt eine neue Umgangsregelung vereinbart. Die Kleine wird natürlich nicht gezwungen, gegen ihren Willen in seiner Wohnung zu übernachten, wenn sie sich da nicht wohl fühlt, aber wir haben uns jetzt darauf verständigt, dass er sie alle zwei Wochen Samstag und Sonntag morgen abholt und Abends wieder zurück bringt. Die Kleine findet diese Vereinbarung auch gut. Auch wenn sie es nicht so direkt sagt, weiß ich, dass sie ihren Papa vermisst und ihn auch braucht. Ich finde es gut, dass Vater und Kind versuchen einen Weg zu finden, einander wieder näher zu kommen.