In meine Hände geboren - oder: Ein Geburtssprint

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  • Kleines Vorwort:
    Was Schwangerschaft und Geburt angeht, bin ich ein bisschen "anders". Schon der Große sollte im Geburtshaus kommen, wobei auch das nur der Kompromiss für seinen Papa war. Ich wollte eine Hausgeburt, er wollte ins Krankenhaus. Leider ist er dann doch im Krankenhaus zur Welt gekommen, da wir während der Geburt umziehen mussten. In der ersten Schwangerschaft wurde ich enorm von meiner damaligen Frauenärztin verunsichert und von meiner Hebamme wieder beruhigt, sodass ich mich entschied in der zweiten Schwangerschaft die Vorsorge ausschließlich bei der Hebamme zu machen. Die Hebamme war die gleiche, die mich auch schon während der ersten Schwangerschaft und Geburt begleitet hat. Begeistert von der ersten Geburt, planten mein damaliger Mann und ich unsere Hausgeburt - mit allem, was man sich so vorstellen kann.
    Ich hatte eine Kiste gepackt mit Decken, verschiedenen Getränken, Traubenzucker und Snacks, Kerzen und Musik,... Wir hatten einen Geburtspool gekauft (sowas ähnliches, wie ein Planschbecken, nur größer und tiefer). Eine Freundin, die auch Fotografin ist, wollte kommen und Fotos während der Geburt machen.
    Auch der Große wollte total gerne bei der Geburt dabei sein, also haben wir ihn mit Büchern und Videos darauf vorbereitet - selbstverständlich immer mit der Option, dass er jederzeit gehen kann.
    Doch unsere Tochter hatte andere Pläne...


    Ihr Geburtstag ist ein Samstag im Oktober, ich war bei ET+12 (oder SSW 41+5). Am Freitag telefonierte ich noch bis kurz vor Mitternacht mit einer Freundin, da war noch alles ruhig im Bauch. Über den Tag verteilt hatte ich zwar immer wieder mal eine Wehe gehabt, aber nichts nennenswertes. Ich ging dann ins Bett, wo ich bis kurz nach 3 geschlafen habe. Da wurde ich von einer Wehe wach. Kenn ich doch schon, dachte ich noch. Blick auf die Uhr – da lohnt sich das Aufstehen und aufs Klo gehen noch. Ich überzeuge meinen müden Körper sich aus dem Bett zu quälen. Auf dem Rückweg noch eine Wehe, aber die lassen mich noch nicht hellhörig werden und ich lege mich wieder hin. Schaffe es sogar nochmal einzudösen. Etwa später noch eine Wehe. Da kann doch kein Mensch bei schlafen! Aber nach Geburt fühlte es sich auch noch nicht an und die Abstände sind unregelmäßig.
    Trotzdem hab ich sicherheitshalber mal den Mann geweckt – der hatte nämlich abends mit dem Großen einen halben Wald in unserem Wohnzimmer verteilt und ich wollte im Falle des Falles den Pool nicht auf Blättern und Sand aufgebaut haben. Er sollte also fegen, während ich mal unter die Dusche gehe und schaue, was mir diese Wehen sagen wollen. Immerhin war ich ja schon ein paar Tage über Termin...
    Während ich unter der Dusche stehe, werden die Wehen intensiver und ich fange an, sie zu vertönen, während ich meinen Kopf an die kühle Wand lehne. Wohl doch Geburt – hurra! Sofort werden die Abstände kürzer. Ich weiß noch, wie ich denke „Wie jetzt?! Schon wieder eine?!“ und beschließe, aus reiner Neugierde mal zu tasten, ob sich am Muttermund schon was tut. Der ist auf jeden Fall schon ein gutes Stück eröffnet. Ich rufe meinen Mann. Der hört mich aber erst beim zweiten Mal.
    „Ruf die A. (Hebamme) an und sag, dass ich CTG morgen gegen Geburtsbegleitung jetzt tauschen mag. Bring mir Handtuch und Handy (zum Fotografin anrufen) und fang mit dem Pool an.“ Ich bin noch völlig entspannt, freue mich auf die Geburt. Mein Mann kommt mit Handtuch, Handy und Hebamme am Telefon. Sie möchte wissen, ob sie schnell oder langsam kommen soll. „Ist mir egal, Hauptsache sie kommt!“ (Im Nachhinein hätte mir das vielleicht ein Zeichen sein können, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird – zu dem Zeitpunkt war es das noch nicht.) Laut Handy der Hebamme ist es 4:05Uhr. Ich höre die Luftpumpe im Wohnzimmer und steige aus der Dusche, damit gleich warmes Wasser für den Pool da ist.
    Um 4:08Uhr (behauptet das Handy) rufe ich D. an, damit sie sich wegen der Fotos auf den Weg macht. Ich muss nochmal aufs Klo und freue mich noch, dass mein Körper so schön dafür sorgt, dass ich nachher hoffentlich nicht mehr aus dem Pool muss. Als ich aufstehen will, platzt die Fruchtblase und ich spüre sofort einen Druck nach unten. Beim Großen platzte die Fruchtblase ganz lehrbuchmäßig bei vollständiger Eröffnung – aber das konnte doch nicht sein?! Ich beschließe nochmal zu tasten. Da ist kein Muttermund mehr und das was sich da so komisch anfühlt, muss wohl tatsächlich Köpfchen sein. Für einen Moment bin ich fasziniert, dann spüre ich, wie mein Körper anfängt zu arbeiten. Da ist kein Pressdrang, keine Wehen, keine bewusste Entscheidung für oder gegen etwas – es passiert einfach. Ich rufe meinen Mann (mal wieder). „Das Kind kommt.“ „Ja, der Pool ist auch fast aufgeblasen...“ „Nein, das Kind kommt JETZT!“ und kurz darauf „Ruf die D. an, die schafft es nicht rechtzeitig.“ Laut Handy ist es 4:18 Uhr, 4:19 Uhr, als sie zurückruft. Was sie reden, weiß ich nicht mehr.
    Ich hab immer wieder die Hand am Köpfchen unseres Kindes und merke, wie es immer weiter nach unten kommt. Es fängt an zu brennen und mir kommt der Gedanke an meinen Damm und auch, dass es schwierig wird, das Kind aufzufangen, während ich auf dem Klo sitze. Ich möchte in den Vierfüßler, komme aber nur noch bis ins Knien. Dann ist das Köpfchen da, der Körper dreht sich und flutscht einfach hinterher. Wie ich es geschafft habe sie aufzufangen, weiß ich nicht. Aber ich habe es geschafft und meine Tochter in meine Hände geboren. Ich halte dieses winzige, brüllende Wesen in meinen Händen und bin erstmal sprachlos. Mein Mann nimmt sie kurz, damit ich aufstehen kann und wir ziehen um aufs Bett im Kinderzimmer.
    Da sie unmittelbar im Anschluss an das Telefonat zwischen D. und meinem Mann geboren ist, legen wir 4:20 Uhr als Geburtszeitpunkt fest.
    10 Minuten später klingelt die Hebamme. Nachdem wir uns sortiert haben, tastet sie meinen Bauch ab und meint, wenn ich einmal drücke, würde die Plazenta kommen – so ist es dann auch. Mein Mann nabelt ab und lässt extra viel Nabelschnur dran, damit der Große später wenigstens die Nabelschnur durchschneiden kann. Das hatte er sich gewünscht.
    Der Große wacht pünktlich zur U1 auf – es ist kurz nach 6 Uhr. Wir haben ein kerngesundes kleines Mädchen mit 55cm, 4140g und 36,5cm Kopfumfang.
    Ich bin übrigens nahezu unverletzt geblieben.


    Und wer bis hierher gelesen hat, darf sich gerne noch einen Keks nehmen. :thanks:

    Ich bin eine Mutter - und was ist deine Superkraft?

  • Wie schön. Da bekommt man Pipi in den Augen :engel :blume

    Ohhhh ja, hier auch... :rotwerd
    Meine Zweitgeborene ist auch zuhause auf die Welt gekommen und auch schneller als gedacht, aber so flott dann doch nicht.
    Trotzdem war ich beim lesen automatisch auch gedanklich wieder bei meiner Geburt.
    Danke für den Bericht! :blume

    If life fucks you, just lean back and enjoy! :brille